In der Diskussion: Milch

Der Streit um die Milch ist nicht neu – und dennoch aktuell.

Während manche Zeitgenossen Milch per se für gesundheitsschädlich halten, loben andere ihren hohen Nährwert.

Wie wird der Verzehr von Milch und Milchprodukten im Rahmen einer Ernährung nach der LOGI-Methode beurteilt? Über diese Frage sprachen wir mit Ulrike Gonder, Ernährungswissenschaftlerin, Wissenschaftsjournalistin und Autorin zahlreicher Fachbücher.

Frau Gonder, immer wieder geraten Milch und Milchprodukte in die Diskussion: Ihr Verzehr könne beispielsweise die Entstehung von Herzinfarkt und Krebserkrankungen fördern heißt es auf Seiten der Milchgegner. Als Argumente für die Milch stehen unter anderem ihr hoher Calciumgehalt und eine gute Sättigung durch das Milcheiweiß.

Wie schätzen Sie die Studienlage dazu ein?

Der hohe Calciumgehalt, die gute Eiweißqualität und die gute Sättigungswirkung des Eiweißes der Milch sind unstrittig. Zudem sind Milch und Milchprodukte auch reich an B-Vitaminen, insbesondere an Vitamin B2 und Vitamin B12, und sie tragen zur Versor-gung mit den Vitaminen A und D sowie mit den Mineralstoffen Magnesium und Jod bei. Was die genannten Erkrankungen angeht, so gibt es dazu eine ganze Reihe von Studien, allerdings wie so oft mit uneinheitlicher Methodik. Das erschwert mitunter die Beurteilung; eine generelle Gesundheitsgefährdung durch Milch- und Milchprodukte, wie von den Milchgegnern oft behauptet, ist aber nicht zu erkennen. Im Gegenteil: In vielen Studien schneiden Milchtrinker, Butteresser, Joghurt- und Käsefans gesundheitlich besser ab.

Können Sie uns einige Beispiele nennen?

Ja, gerne. Im Rahmen einer systematischen Auswertung von zwölf Langzeitbeobachtungsstudien fand sich beispielsweise keinerlei Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Milchprodukten und einem erhöhten Risiko für koronare Herzkrankheiten (1). Zu einem vergleichbar positiven Ergebnis kam man an der Uni Jena: Hier stand der Einfluss von Milchfett auf Risiko für das Herzkreislauferkrankungen auf dem Prüfstand (2). Auch hier zeigte sich kein Risiko durch Milch & Co. In einer Studie mit Schwedinnen hatten die Frauen bei höherem Konsum von Milch- und Milchprodukten, besonders Käse, sogar ein geringeres Herzinfarktrisiko (3).

Auch das Krebsrisiko wird im Zusammenhang mit Milch immer wieder thematisiert. Wie sieht es da aus?

In seiner umfassenden Auswertung der weltweit verfügbaren Literatur konnte der World Cancer Research Fund (4) keine überzeugenden Hinweise auf ein erhöhtes Krebsrisiko durch den Verzehr von Milch- und Milchprodukten feststellen. Eine Übersichtsarbeit aus Portugal (5) schloss mit der Erkenntnis, dass ein Verzicht auf Milch und Milchprodukte keine gesundheitlichen Vorteile bringt – es sei denn, man leidet an einer Unverträglichkeit.

Manche Studienergebnisse erbrachten sogar vorbeugende Effekte gegenüber einigen Krebserkrankungen, ebenso bezüglich Übergewicht und immer wieder auch Diabetes. Dabei ist allerdings nicht immer ganz klar, ob die beobachteten Effekte auf die Milch selbst zurückzuführen sind oder darauf, dass Milchtrinker oft einen generell gesundheitsbewussteren Lebensstil pflegen als etwa Limonaden- und Fastfood-Freunde.

Übergewicht und Diabetes sind zwei zentrale Themen im Zusammenhang mit der LOGI-Methode. Gibt es Studien, die den Milchkonsum in Verbindung mit Abnehmen und Diabetes untersucht haben?

Ja, die gibt es, und auch dabei schneidet der Verzehr von Milch- und Milchprodukten durchaus positiv ab: So ist das Risiko für eine Gewichtszunahme bzw. Übergewicht bei Milchkonsumenten meist geringer (6). Eine aktuelle Querschnittstudie fand übrigens eine verbesserte Glukosetoleranz und Insulinsensitivität mit steigendem Milchfettkonsum (7). Dieser Fingerzeig in Richtung Verringerung des Diabetesrisikos wird durch etliche weitere wissenschaftliche Untersuchungen gestützt (8, 9).

Dennoch sorgte kürzlich eine schwedische Studie (10) für Aufruhr, weil sie eine höhere Sterblichkeit und mehr Osteoporose bei hohem Milchkonsum fand.

Richtig! Doch schaut man genauer hin, ergeben sich folgende Zweifel an der These, dass Milch und Milchprodukte uns umbringen würden: Zunächst einmal bezogen sich die genannten Risiken auf einen Konsum von mehr als 3 Gläsern Trinkmilch täglich, was recht viel ist und so auch nicht empfohlen wird. Ein hoher Konsum von fermentierten Milchprodukten wie Joghurt und Käse ging in dieser Studie übrigens mit einer geringeren Sterblichkeit einher.

Selbst ein ausgewiesener Milchkritiker wie Prof. Bodo Melnik von der Uni Osnabrück, der vor allem schädliche Effekte durch das Milchprotein vermutet, weil es den Insulinspiegel und die Insulin-ähnlichen Wachstumsfaktoren (IGF) ansteigen lässt, räumt inzwischen folgendes ein (11): Die gesundheitlichen Effekte der Milch bzw. des Milchpro-teins hängen offenbar stark davon ab, in welchem Gesundheits- und Fitnesszustand sich die Konsumenten befinden. Ein hoher Konsum könnte insbesondere bei insulinresistenten und unfitten Menschen und im Kontext einer Ernährung mit hoher glykämischer Last problematisch sein – und genau das ist LOGI ja nicht.

Danke, Frau Gonder für diese Zusammenfassung. Welche Schlussfolgerungen lassen sich zur Verwendung von Milch- und Milchprodukten bei LOGI ziehen?

Aufgrund der zahlreichen positiven Studienergebnisse empfiehlt die LOGI-Methode (vollfette) Milch, Milchprodukte und Käse in Abwechslung mit anderen Proteinlieferanten: Als nährstoffdichte Lebensmittel finden sie sich zusammen mit Hülsenfrüchten, Nüssen, Fisch, Eiern und Fleisch auf der zweiten Stufe der LOGI-Pyramide. Allerdings verträgt und mag nicht jeder Milch und daraus hergestellte Produkte – und dann lässt man sie eben weg. Oder unternimmt einen individuellen Auslassversuch, um zu sehen, ob man sich dann besser fühlt.

Bei der LOGI-Methode ist dies überhaupt kein Problem, denn LOGI ist flexibel und orientiert sich an den persönlichen Bedürfnissen und Vorlieben.

 

Quellenangaben:

(1) Gibson, Brit J Nutr 2009;102:1267-1275
http://www.academia.edu/2004243/The_effect_of_dairy_foods_on_CHD_a_systematic_review_of_prospective_cohort_studies_2009

(2) Ernährungs-Umschau Nr. 4/2011, S. 177-181
http://www.milchindustrie.de/fileadmin/Dokumente/Themen/Wissenschaft_Forschung/Ernaehrungsumschau_Fett_Arnold_Jahreis.pdf

(3) Patterson, J Nutr 2012, doi 10.3945/jn.112.166330
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23173172

(4) World Cancer Research Fund, American Institute for Cancer Research: Food, Nutri-tion, Physical Activity and the Prevention of Cancer: a Global Perspective. Washington DC, 2007

(5) Pareira, Nutrition 2014;30:619-627
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/m/pubmed/24800664/

(6) Astrup, Am J Clin Nutr 2014;99:1235S-1242S
http://ajcn.nutrition.org/content/99/5/1235S.abstract

(7) Kratz, Am J Clin Nutr 2014;99:1385-1396
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24740208

(8) Elwood, Lipids, 2010;45:925-939
https://www.scienceopen.com/document_file/4102fab3-7581-4539-b370-6e11d0cdece6/PubMedCentral/4102fab3-7581-4539-b370-6e11d0cdece6.pdf

(9) Santaren, Am J Clin Nutr 2014, doi 10.3945/ajcn.114.092544
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25411288

(10) Michaelsson, Brit J Nutr 2014;349:1-15
http://www.bmj.com/content/349/bmj.g6015

(11) Melnik, Nutr & Metab 2013;10:60
http://www.nutritionandmetabolism.com/content/10/1/60

 

Wir danken unserer Interview-Partnerin Ulrike Gonder. Mehr Beiträge von Ihr findet ihr auch auf ihrer Webseite „Ernährung und Gesundheit kontrovers“

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Logish

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